November 11th, 2012

Goethe in Karlsbad

Goethe in Karlsbad.

Mit sieben noch ungedruckten Briefen Goethe's.

               Von G E Guhrauer.

Goethe machte bei seinem Aufenthalte im Sommer 1823 zu Marienbad die Bekanntschaft einer durch Schonheit, Anmuth und Geist glanzenden Dame, eines Fraulein von Lewezow, welche mit ihrer Mutter und ihren Schwestern dort lebte; dieselbe entzundete ihn mit einer Leidenschaft, welche den greisen Dichter in einen Jungling, ja in Werther selbst verwandelt zu haben schien. Diese Leidenschaft sprach sich damals unverhullt in jeder Regung seines Wesens, in jedem Schritte, den er that, jeder Minute der mit dem geliebten Gegenstande verlebten Tage aus. (Vgl. Eckermann I, 70.) In dieser erhohten Stimmung begleitete Goethe die Familie von Marienbad nach Karlsbad, wo er sich jedoch nur einige Tage aufhielt, um unverweilt in die Heimath zuruckzukehren. Personen, welche ihm damals sehr nahe standen und taglich um ihn waren, haben den Verfasser versichert, daß Goethe in jener Epoche um dreißig Jahre verjungt ausgesehen, wiewohl er im Spatherbste in Folge eben jener Leidenschaft und der dadurch hervorgerufenen Kampfe, in eine schwere, beunruhigende Krankheit verfiel. Was dabei der Mensch mit Kraft und Opfern erkampft, das offenbart der Dichter in jenen herrlichen „Trilogie der Leidenschaft" uberschriebenen drei Gedichten: An Werther, Elegie und Aussohnung.

Deutsches Museum: Zeitschrift für Literatur, Kunst u. Öffentliches Leben, Том 1

Brockhaus, 1851. S. 201